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Eine Zielgruppe ist keine Beschreibung von Menschen. Sie ist die Beschreibung einer Entscheidungssituation.
„Entscheider in produzierenden Unternehmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern“ ist deshalb keine Zielgruppe. Das ist eine Filtereinstellung im Werbekonto. Sie sagt dir, wem du eine Anzeige zeigen darfst. Sie sagt dir nicht, was darin stehen soll.
Genau an dieser Stelle bricht die Arbeit im Mittelstand meistens ab. Die Zielgruppe wird einmal definiert, in eine Folie gegossen und in eine Präsentation gelegt. Danach schreibt trotzdem jeder für alle. Marketing ist Führung, und Führung fängt mit der unbequemen Hälfte der Entscheidung an: für wen du nicht arbeitest.
Demografie beschreibt den Käufer, nicht den Kauf
Zwei Lagerleiter, gleiche Branche, gleiche Unternehmensgröße, gleiche Position. In jeder Datenbank sind sie ein Datensatz.
Der erste hat gerade eine Regalprüfung nicht bestanden. Zwei Felder sind gesperrt, die Ware steht im Gang, sein Chef fragt täglich nach. Er braucht diese Woche eine Antwort und er wird nichts lesen, was länger als zwei Minuten dauert.
Der zweite plant eine neue Halle für 2028. Er sammelt Argumente für eine Investitionsvorlage, muss die Geschäftsführung überzeugen und hat Zeit. Eine Checkliste hilft ihm nicht. Er braucht Zahlen, Vergleiche und etwas, das er weitergeben kann.
Nichts, was beim ersten funktioniert, funktioniert beim zweiten. Demografie hat davon nichts erklärt. Sie ist ein brauchbares Kriterium für die Auswahl von Kanälen und für die Aussteuerung von Anzeigen. Für Inhalte ist sie wertlos.
Die Zielgruppe ist ein Moment, kein Milieu
Vier Fragen ersetzen jede Altersspanne:
- Was ist passiert, kurz bevor jemand nach dir sucht? Ein Schaden, ein Wechsel, eine Vorgabe, eine Zahl im Bericht. Es gibt fast immer einen Auslöser.
- Was steht auf dem Spiel, wenn er falsch entscheidet? Geld, Zeit, Stillstand, der eigene Ruf im Unternehmen.
- Wer sitzt außer ihm am Tisch? Im Mittelstand entscheidet selten einer allein. Wer mitredet, will oft etwas anderes hören.
- Was passiert, wenn er nichts tut? Die härteste Frage. Der stärkste Wettbewerber ist meistens nicht ein anderer Anbieter, sondern der Zustand von gestern.
Beantworte diese vier Fragen und du hast Text. Beantworte Alter und Branche und du hast einen Filter.
Die dritte Frage wird am häufigsten übersprungen, obwohl sie im Mittelstand über den Auftrag entscheidet. Am Tisch sitzen oft drei Interessen: Die Geschäftsführung will wissen, was es kostet und was es zurückbringt. Der Betriebsleiter will wissen, wie lange etwas steht. Der Einkauf will Vergleichbarkeit, also mindestens zwei weitere Angebote. Ein Text kann diese drei nicht gleichzeitig überzeugen. Also entscheidest du, für wen du schreibst, und gibst ihm die Argumente für die anderen beiden mit. Wer im Unternehmen für dich argumentiert, braucht Munition, nicht Begeisterung.
Wichtig: Die Antworten verschieben sich, während jemand sich entscheidet. Derselbe Mensch braucht am Anfang eine Einordnung und am Ende einen Beleg. Deshalb gehört die Zielgruppe nicht auf eine Folie, sondern an die Phasen der Customer Journey.
Personas scheitern an dem, was erfunden ist
Der klassische Persona-Workshop dauert einen halben Tag und endet mit einem Steckbrief. Ein Vorname, ein Foto aus der Bilddatenbank, ein Alter, ein Hobby. „Thomas, 47, fährt am Wochenende Rennrad.“
Das Rennrad ist erfunden. Und erfahrungsgemäß ist das Erfundene genau der Teil, der später zitiert wird, weil er sich so schön konkret anfühlt.
Dagegen hilft eine einzige Regel: Jede Zeile in einem Steckbrief braucht eine Quelle. Ein Angebot, ein Telefonat, ein Serviceticket, eine Suchanfrage, ein verlorener Auftrag. Wo keine Quelle steht, wird die Zeile gestrichen.
Was danach übrig bleibt, ist kürzer, unspektakulärer und zum ersten Mal brauchbar.
Die Beobachtung liegt längst im Haus
Für den Anfang brauchst du keine Marktforschung. Fünf Quellen liegen in jedem Unternehmen und kosten zwei Nachmittage:
- Verlorene Angebote. Der ehrlichste Datensatz, den du hast. Nicht die Absage zählt, sondern der Grund dahinter.
- Service- und Supportanfragen. Hier steht die Sprache der Kunden im Original, unverbessert von der Marketingabteilung.
- Suchanfragen. Sie zeigen dir die Formulierung, die jemand wählt, wenn niemand zuhört. Wie du daraus Struktur machst, steht in der Keyword-Recherche.
- Referenzlisten der Wettbewerber. Wer dort auftaucht, hat sich für ein Profil entschieden. Das ist die nützlichste Form der Wettbewerbsbeobachtung.
- Fünf bis acht Gespräche mit Kunden, die vor kurzem gekauft haben. Eine Frage genügt: Was hättest du gemacht, wenn es uns nicht gegeben hätte?
Die Antwort auf diese letzte Frage ist regelmäßig unangenehm. Oft lautet sie nicht „ein Wettbewerber“, sondern „selbst gebaut“, „verschoben“ oder „mit dem alten Zustand weitergelebt“. Wer das weiß, schreibt andere Texte.
Eine Zielgruppe, die du nicht belegen kannst, ist eine Vermutung mit Budget.
Ohne Ausschluss ist es keine Definition
Wenn nach der Definition nichts wegfällt, wurde nichts entschieden.
Der Ausschluss gehört schriftlich festgehalten und er gehört dem Vertrieb in die Hand: Anfragen unterhalb einer Größe, Branchen ohne die passende Anforderung, Projekte, in denen ausschließlich über den Preis gesprochen wird. Nicht, weil solche Anfragen wertlos sind. Sondern weil jede angenommene Ausnahme Kapazität kostet, die für die eigentliche Zielgruppe gedacht war.
Das ist die Stelle, an der Zielgruppe und Positionierung dieselbe Entscheidung von zwei Seiten betrachten. Die Zielgruppe beantwortet, für wen du arbeitest. Die Positionierung beantwortet, warum ausgerechnet du. Eine der beiden Antworten ohne die andere trägt nicht.
Der Test läuft an drei Stellen
Eine Zielgruppendefinition, die keinen einzigen Satz im Unternehmen ändert, ist Dekoration.
Prüf sie deshalb heute an drei Stellen:
- Die erste Zeile deiner Startseite.
- Die Betreffzeile deiner letzten Mail an Interessenten.
- Der Titel deines letzten Beitrags.
Musst du an keiner der drei Stellen etwas austauschen, dann war die Definition zu breit oder sie liegt noch in der Schublade. Beides ist ein Ergebnis, nur kein gutes.
Wie der Unterschied aussieht, zeigt eine einzige Zeile. „Ihr Partner für Intralogistik“ passt auf jedes Unternehmen der Branche und spricht deshalb niemanden an. „Wenn dein Regal gesperrt ist, brauchst du keine Beratung, sondern einen Termin“ passt nur auf eine Situation. Die zweite Zeile verliert Leser. Sie gewinnt Anfragen. Wer eine solche Zeile nicht schreiben kann, weiß noch nicht, wen er meint.
Zwei Situationen reichen, sieben nicht
Ein kleines Team kann zwei, mit Mühe drei Situationen ernsthaft bedienen. Wer sieben Personas pflegt, bedient keine.
Priorisier nach drei Kriterien: Wie oft kommt diese Situation vor, was bringt sie ein, und wie gut erreichst du die Leute darin. Die häufigste Situation ist nicht automatisch die lohnendste, und die lohnendste ist selten die, die am leichtesten zu erreichen ist. Genau deshalb ist das eine Entscheidung und keine Rechnung.
Und diese Entscheidung hält nicht ewig. Situationen verschieben sich, wenn eine Vorschrift kommt, ein Wettbewerber ausfällt oder eine Technologie billig wird. Ein sinnvoller Rhythmus ist einmal im Jahr, plus einmal nach jeder Serie verlorener Angebote. Nicht neu erfinden, sondern die alte Seite neben die letzten zwanzig Anfragen legen und prüfen, ob sie noch dieselbe Geschichte erzählen.
Der Rest ist Disziplin. Eine Seite pro Situation, mehr braucht es nicht: Auslöser, was auf dem Spiel steht, wer mitentscheidet, welche Worte diese Leute benutzen, und wen sie ausschließt. Diese Seite hängt neben dem Schreibtisch, nicht im Laufwerk.
TL;DR | Wer alle meint, erreicht niemanden
Eine Zielgruppe ist keine Altersspanne und keine Branchenliste. Sie ist die Situation, in der jemand eine Entscheidung treffen muss, samt Auslöser, Risiko und Mitentscheidern. Demografie hilft beim Aussteuern von Anzeigen und sonst nirgends. Erfundene Steckbriefe sind schlimmer als keine, weil sie Sicherheit vortäuschen. Die Belege liegen in verlorenen Angeboten, Serviceanfragen, Suchanfragen und in acht Telefonaten. Und eine Definition, die niemanden ausschließt, hat nichts definiert.
Fang mit einer Situation an, nicht mit fünf. Schreib sie auf eine Seite. Und streich jede Zeile, für die du keine Quelle nennen kannst.


