Prompting im Marketing: Wer briefen kann, kann prompten

Gute Prompts brauchen kein Framework, sondern Klarheit. Die sechs Angaben, die jeder Auftrag an ein Sprachmodell enthalten muss, und warum Nachbessern die eigentliche Arbeit ist.
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Foto von fabio

Prompting ist keine neue Fähigkeit. Es ist eine alte unter neuem Namen.

Wer schon einmal eine Agentur beauftragt, einen freien Texter gebrieft oder einem Werkstudenten eine Aufgabe erklärt hat, kennt das Verfahren vollständig. Du sagst, für wen der Text gedacht ist. Was der Empfänger danach tun soll. In welchem Ton, in welchem Format, in welcher Länge. Du lieferst den Kontext, den der andere unmöglich kennen kann. Und du zeigst ein Beispiel dafür, wie gut bei euch aussieht.

Das ist ein Prompt. Nichts anderes.

Deshalb braucht Prompting keine Geheimlehre, und schon gar keine Sammlung von Frameworks mit vier Großbuchstaben. Es braucht Klarheit darüber, was du eigentlich willst. Wer das nicht hat, bekommt Mittelmaß, und zwar schneller als je zuvor.

Schlechter Output ist fast immer ein unvollständiger Auftrag

Der übliche Ablauf sieht so aus. Jemand tippt „Schreib mir einen LinkedIn-Post über unsere neue Fertigungslinie“ in ein Chatfenster, bekommt drei Absätze mit Ausrufezeichen und der Formulierung „wir freuen uns, ankündigen zu dürfen“, und schließt daraus, dass KI für seriöse Kommunikation nicht taugt.

Der Schluss ist falsch. Der Auftrag war es.

In diesen zwölf Wörtern fehlt alles: für wen der Post gedacht ist, ob er Bewerber oder Einkäufer ansprechen soll, was an der Fertigungslinie überhaupt bemerkenswert ist, wie euer Unternehmen normalerweise klingt. Das Modell hat die Lücken gefüllt, wie es Lücken immer füllt, nämlich mit dem Durchschnitt aus allem, was es je gelesen hat. Bei einem menschlichen Texter wäre dasselbe passiert, nur langsamer und teurer.

Die praktische Faustregel: Wenn dich der Output enttäuscht, lies deinen eigenen Auftrag noch einmal. In neun von zehn Fällen findest du dort die Antwort.

Sechs Angaben, mehr braucht es nicht

Ein brauchbarer Prompt enthält dieselben Bestandteile wie ein brauchbares Briefing. Die Disziplin dahinter ist dieselbe, die du schon aus deinem Redaktionsplan und Briefing-Prozess kennst.

  1. Empfänger. Nicht „Kunden“, sondern der konkrete Mensch. Der technische Einkäufer, der drei Angebote vergleicht. Die Personalleiterin, die seit acht Monaten sucht.
  2. Ziel. Was soll der Empfänger nach dem Lesen tun oder wissen? Ein Text ohne Ziel wird zwangsläufig eine Aufzählung von Vorzügen.
  3. Tonalität. Dieselbe, die in deiner Tonalität und Messaging festgelegt ist. Wenn du sie nicht benennen kannst, ist das kein Prompting-Problem.
  4. Format und Länge. Blogeinleitung, 120 Wörter. Angebotsbegleitschreiben, eine Seite. Ohne Angabe bekommst du immer ungefähr 400 Wörter mit Zwischenüberschriften.
  5. Kontext. Die Fakten, die außerhalb deines Hauses niemand kennt.
  6. Beispiel. Ein Text von euch, der funktioniert hat.

Das lässt sich in fünf Minuten aufschreiben. Es spart dir vierzig.

Kontext ist der Bestandteil, den fast alle weglassen

Punkt fünf ist der wichtigste und der am häufigsten übersprungene. Er ist auch der einzige, den das Modell unmöglich erraten kann.

Ein Sprachmodell kennt deine Branche im Allgemeinen und dein Unternehmen überhaupt nicht. Es weiß nicht, dass eure Lieferzeit der eigentliche Wettbewerbsvorteil ist. Es weiß nicht, dass der letzte Kunde wegen der Dokumentation abgesprungen ist. Es weiß nicht, welches Argument im Vertriebsgespräch regelmäßig zieht und welches regelmäßig Widerspruch auslöst.

Gib ihm dieses Material. Kopiere den alten Angebotstext hinein, die Notizen aus dem Kundengespräch, die drei Rückfragen, die auf der Messe immer kamen. Je konkreter das Rohmaterial, desto weniger erfindet die Maschine.

Das ist zugleich der wirksamste Schutz vor der häufigsten Schwäche. Modelle erfinden Details, wenn ihnen welche fehlen, und sie tun es im gleichen selbstsicheren Ton wie alles andere. Wer Kontext liefert, gibt ihnen weniger Gelegenheit dazu.

Ein Beispiel schlägt drei Adjektive

„Schreib es sachlich, aber nicht steif, professionell, aber nahbar.“ Solche Anweisungen fühlen sich präzise an und sind es nicht. Vier Adjektive beschreiben einen Ton ungefähr so gut wie vier Farbwörter ein Bild.

Häng stattdessen einen echten Text an. Eine Produktbeschreibung, die euch gefällt. Einen Absatz aus einem Anschreiben, das zu einem Auftrag geführt hat. Dazu ein Satz: „Schreib in diesem Ton.“

Das funktioniert aus einem einfachen Grund. Ein Beispiel enthält Satzlänge, Rhythmus, Wortwahl, Grad der Direktheit und den Umgang mit Fachbegriffen gleichzeitig. Alles auf einmal, ohne dass du es benennen musst. Wenn du nur eine der sechs Angaben ergänzen kannst, nimm diese.

Umgekehrt hilft ein Gegenbeispiel fast genauso viel. „So nicht“ mit einem angehängten Absatz voller Marketingfloskeln spart dir drei Korrekturrunden.

Derselbe Auftrag, einmal richtig

Zurück zum LinkedIn-Post über die neue Fertigungslinie. Mit den sechs Angaben klingt der Auftrag ungefähr so:

Schreib einen LinkedIn-Post für technische Einkäufer im Maschinenbau, die schon einmal von uns gekauft haben. Ziel: Sie sollen wissen, dass wir Sonderanfertigungen jetzt in vier statt neun Wochen liefern, und im nächsten Anfragefall an uns denken. Ton: nüchtern, in der ersten Person Plural, keine Ausrufezeichen, keine Superlative. Format: maximal 120 Wörter, ein Gedanke pro Absatz, letzte Zeile eine offene Frage. Kontext: Die neue Linie besteht aus zwei CNC-Zellen, entscheidend ist nicht die Technik, sondern der Wegfall des externen Fertigungsschritts. Der häufigste Einwand unserer Kunden ist bisher die Lieferzeit, nicht der Preis. Als Stilbeispiel hänge ich unseren Post vom März an.

Das sind neunzig Sekunden Tipparbeit. Der Unterschied im Ergebnis ist kein gradueller.

Auffällig ist, was in diesem Auftrag nicht steht. Keine Anweisung, „professionell“ oder „authentisch“ zu schreiben. Keine Rollenzuweisung wie „Du bist ein erfahrener B2B-Texter“, die in Anleitungen gern empfohlen wird und in der Praxis wenig ändert. Stattdessen Entscheidungen: eine Zielgruppe, eine Aussage, eine Länge, ein Einwand, ein Beispiel.

Genau daran erkennst du auch, ob du selbst weißt, was du willst. Wenn dir bei „Ziel“ nichts Konkreteres einfällt als „Sichtbarkeit“, ist der Post nicht das Problem.

Nachbessern ist die eigentliche Arbeit

Der zweite große Fehler nach dem zu dünnen Auftrag: Bei einem schlechten Ergebnis wird ein neuer Prompt geschrieben, statt den alten zu korrigieren.

Das ist, als würdest du deinem Texter das Briefing wegnehmen und ein anderes hinlegen, statt ihm zu sagen, was am Entwurf nicht stimmt. Du verlierst alles, was schon getroffen war, und würfelst neu.

Arbeite stattdessen weiter im selben Gespräch und benenne den konkreten Fehler. Nicht „das ist zu allgemein“, sondern „der zweite Absatz behauptet Qualität, ohne sie zu belegen, ersetze ihn durch das Beispiel mit der Sonderanfertigung aus meinem Kontext“. Nicht „zu lang“, sondern „streich die Einleitung, fang beim dritten Satz an“.

Zwei bis drei solcher Runden sind normal. Sie sind kein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft, sondern der Vorgang selbst. Wer nach dem ersten Ergebnis abbricht, hat den Auftrag erteilt und die Abnahme vergessen.

Ein guter Prompt gehört dem Team, nicht dem Chatverlauf

Hier verschenken die meisten Unternehmen den eigentlichen Gewinn.

Irgendwann hast du einen Prompt gebaut, der zuverlässig gute Produktbeschreibungen liefert. Sechs Angaben, ein Beispiel, zwei Korrekturschleifen eingearbeitet. Diese halbe Stunde Arbeit ist ein Betriebsmittel. Und sie verschwindet in deinem privaten Chatverlauf, wo sie niemand findet, du selbst in drei Wochen eingeschlossen.

Ein geteiltes Dokument reicht. Ein Ordner mit fünf oder sechs Prompts für die Aufgaben, die bei euch immer wiederkehren: Produkttext, Messebericht, Stellenanzeige, Kundenanschreiben, Blogeinleitung. Jeder Prompt mit einem Satz dazu, wofür er gedacht ist.

Das ist der Unterschied zwischen drei Kollegen, die zufällig alle ein Abo haben, und einem Team, das mit KI arbeitet. Technik ist daran der kleinste Teil. Wie du diese Sammlung pflegst und wer dafür zuständig ist, steht in KI im Mittelstand einführen.

Wo der Prompt endet

Ein guter Auftrag liefert dir einen guten Rohtext. Mehr nicht, und das ist keine Kritik, sondern die korrekte Erwartung.

Was danach kommt, ist Redaktion: prüfen, kürzen, den Standpunkt hineinbringen, jede Zahl gegen eine Quelle halten, die du selbst kennst. Wie dieser Teil des Prozesses aussieht und welche Schritte du dabei nie abgeben solltest, steht in der Content-Erstellung mit KI.

Der Prompt entscheidet, wie viel Arbeit dort noch übrig bleibt. Deshalb lohnen sich die fünf Minuten vorher.


TL;DR | Ein Prompt ist ein Briefing. Wer schlecht briefte, promptet schlecht. Sechs Angaben genügen: Empfänger, Ziel, Tonalität, Format, Kontext, Beispiel. Kontext liefert nur du, ein Beispiel schlägt jedes Adjektiv, und die zweite Runde ist keine Panne, sondern der Job. Schreib den Auftrag, den du auch einem Menschen geben würdest.

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