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Die Frage „Welches KI-Tool ist das beste?“ hat keine Antwort. Sie hat nur Verkäufer.
Vier Anwendungen decken zusammen fast alles ab, was ein Marketingteam im Mittelstand braucht: ChatGPT, Claude, Gemini und Perplexity. Sie unterscheiden sich weniger, als die Anbieter behaupten, und deutlich mehr, als der Blick auf den Monatspreis vermuten lässt. Die sinnvolle Frage lautet deshalb nicht, welches Modell gewinnt, sondern welches welche Aufgabe übernimmt. Das ist dieselbe Logik, die für KI im Marketing insgesamt gilt: Nicht das Werkzeug entscheidet über das Ergebnis, sondern die Zuordnung zur Aufgabe.
Vergiss die Bestenlisten
Wer heute nach einem Vergleich sucht, findet Dutzende. Sie widersprechen sich, und zwar nicht in Nuancen. Zwei Artikel aus demselben Monat nennen unterschiedliche Modellversionen als aktuell, unterschiedliche Gewinner und unterschiedliche Begründungen. Manche vergleichen Stände, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon überholt waren.
Das ist kein Versagen der Autoren. Es ist die Taktung des Marktes. Zwischen Recherche und Veröffentlichung liegen zwei neue Modellversionen.
Daraus folgt eine praktische Konsequenz: Triff deine Entscheidung nicht anhand von Benchmarks und Versionsnummern. Beide sind in drei Monaten falsch. Triff sie anhand der Aufgaben, die bei dir tatsächlich anfallen. Aufgaben ändern sich langsamer als Modelle.
Und noch ein Vorbehalt gehört an diese Stelle: Die folgende Einschätzung ist ein Stand, kein Naturgesetz. Sie beschreibt Juli 2026. Prüf sie einmal im Jahr nach, so wie du deine übrige Tool-Landschaft auch prüfen solltest.
Was die vier tatsächlich gut können
ChatGPT ist der Generalist mit dem größten Ökosystem. Wenn du nur ein Werkzeug haben kannst, ist es dieses. Stark im Brainstorming, im schnellen Umformulieren, in der Bilderzeugung und in der Breite der Anbindungen an andere Software. Die Schwäche ist die Kehrseite der Breite: Bei sachlichen Fragen antwortet es souverän auch dann, wenn es die Antwort nicht kennt. Was in der Antwort steht, musst du prüfen.
Claude wird für lange Texte und lange Dokumente empfohlen. Analysen, Konzepte, das Durcharbeiten eines vierzigseitigen PDF, Texte, die einen Ton halten sollen. Die Schwäche liegt im Ökosystem: weniger Anbindungen, weniger Beiwerk als bei ChatGPT.
Gemini ist die naheliegende Wahl, wenn dein Unternehmen ohnehin in Google Workspace arbeitet. Die Integration in Mail, Dokumente und Tabellen ist der eigentliche Vorteil, nicht das Modell. Wer nicht bei Google arbeitet, hat wenig Grund dafür.
Perplexity ist kein Assistent, sondern eine Suchmaschine mit einer KI-Schicht darüber. Jede Antwort kommt mit Quellenangaben, die du anklicken kannst. Genau das macht es für Recherche zuverlässiger als die drei anderen, denn du prüfst nicht die Behauptung, sondern die Quelle. Für kreative Arbeit taugt es dagegen wenig.
Die Muster wiederholen sich in fast jedem seriösen Vergleich, und sie sind stabiler als die Rangfolgen. Das ist der Teil, auf den du dich stützen kannst.
Ordne nach Aufgabe, nicht nach Anbieter
Übersetzt in deinen Arbeitsalltag heißt das ungefähr Folgendes.
Recherche, Marktbeobachtung, Faktenprüfung: Perplexity, wegen der Quellen. Wie du daraus eine belastbare Recherche mit KI machst, ist ein Thema für sich.
Lange Texte, Konzepte, Analysen, Auswertung umfangreicher Dokumente: Claude.
Schnelle Varianten, Brainstorming, Betreffzeilen, Bilder, alles, was breit und beweglich sein muss: ChatGPT.
Alles, was in Google-Dokumenten und Google-Tabellen stattfindet: Gemini, falls vorhanden.
Diese Zuordnung ist grob, und sie soll grob sein. Jedes der vier kann jede dieser Aufgaben irgendwie. Es geht nicht um Können, sondern darum, wo du am wenigsten nacharbeiten musst.
Zwei Abos reichen
Der häufigste Fehler nach dem Einstieg ist die Sammelleidenschaft. Vier Abos, vier Oberflächen, vier Chatverläufe, in denen niemand mehr findet, wo der gute Prompt lag. Achtzig Euro im Monat für eine Auswahl, die niemand trifft.
Nimm zwei. Einen Generalisten für die Textarbeit und Perplexity für die Recherche. Das deckt den weitaus größten Teil ab.
Welcher Generalist, entscheidet dein Arbeitsalltag, nicht die Bestenliste. Arbeitest du in Google Workspace, nimm Gemini und spar dir das dritte Konto. Schreibst du viel und lang, nimm Claude. Brauchst du Breite, Bilder und Anbindungen, nimm ChatGPT.
Die Kostenordnung ist bei allen vier ähnlich, grob zwanzig Euro pro Nutzer und Monat für den regulären Bezahltarif. Genaue Preise nenne ich hier bewusst nicht, sie ändern sich schneller, als dieser Artikel aktualisiert wird.
Was der bezahlte Tarif wirklich ändert
Die kostenlosen Versionen sind zum Ausprobieren gut und für den Arbeitsalltag untauglich. Sie laufen in Nutzungsgrenzen, oft nach wenigen Anfragen, und sie setzen in der Regel die schwächeren Modelle ein. Wer KI kostenlos testet und zu dem Schluss kommt, das Ergebnis sei mittelmäßig, hat meistens nur das mittelmäßige Modell getestet.
Wichtiger als der Sprung von kostenlos auf bezahlt ist aber ein zweiter Unterschied, den die meisten übersehen: der zwischen dem privaten Bezahltarif und dem Geschäftstarif.
Der private Tarif ist ein Vertrag für Privatpersonen. Für die Verarbeitung personenbezogener Daten im gewerblichen Kontext brauchst du in aller Regel einen Auftragsverarbeitungsvertrag, und den gibt es bei den meisten Anbietern erst im Team- oder Business-Tarif. Dazu kommen Fragen nach dem Serverstandort und danach, ob deine Eingaben zum Training verwendet werden.
Das ist kein Nebenschauplatz. Es ist der Punkt, an dem die Toolwahl aufhört, eine Geschmacksfrage zu sein. Welche Anforderungen dein Unternehmen konkret erfüllen muss und was in eine KI-Richtlinie gehört, behandle ich getrennt. Für die Auswahl reicht die Regel: Wenn Kundendaten im Spiel sind, ist der private Tarif der falsche.
Wo alle vier gleich schwach sind
Über die Unterschiede wird viel geschrieben. Über die Gemeinsamkeiten kaum, dabei sind sie für deine Arbeit wichtiger.
Alle vier schreiben im Auslieferungszustand denselben Text. Glatt, freundlich, zustimmungsfähig, ohne Kante. Die berühmte Formulierung „in der heutigen schnelllebigen Geschäftswelt“ stammt nicht von einem bestimmten Anbieter, sondern von allen. Wer den Unterschied zwischen den Werkzeugen sucht, findet ihn nicht im Standardton, sondern erst dort, wo du mit Kontext und Beispielen dagegen arbeitest.
Alle vier erfinden Details, wenn ihnen welche fehlen. Der Grad unterscheidet sich, die Eigenschaft nicht. Eine Jahreszahl, eine Norm, ein Zitat, eine Studie, die es nicht gibt. Und alle vier tun es im selben ruhigen Ton, in dem sie auch Richtiges sagen. Es gibt kein Werkzeug in dieser Gruppe, bei dem du auf die Prüfung verzichten kannst.
Keines der vier kennt dein Unternehmen. Keines weiß, warum der letzte Großkunde abgesprungen ist, welches Argument im Vertrieb zieht oder was in deiner Branche als peinlich gilt. Dieses Wissen bringst du mit, oder es fehlt im Text.
Das relativiert die Auswahlfrage erheblich. Der Unterschied zwischen zwei guten Werkzeugen ist klein gegen den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Auftrag.
Woran du nicht entscheiden solltest
Drei Kriterien führen zuverlässig in die Irre.
Erstens Benchmarks. Sie messen Aufgaben, die mit deiner Arbeit wenig zu tun haben, und die Abstände zwischen den Spitzenmodellen sind für Marketingtexte längst bedeutungslos.
Zweitens die Empfehlung aus deinem Netzwerk. Was ein Entwickler nutzt, ist für Code optimiert. Was eine Agentur nutzt, ist auf Masse optimiert. Beides ist nicht dein Fall.
Drittens der Funktionsumfang. Jedes dieser Produkte kündigt monatlich neue Funktionen an. Du wirst drei davon nutzen. Die Frage ist nicht, was ein Tool alles kann, sondern was du damit regelmäßig tust.
Der belastbarste Test ist immer noch der eigene. Nimm eine echte Aufgabe aus der letzten Woche, eine, deren Ergebnis du beurteilen kannst. Gib sie zwei Kandidaten mit demselben Auftrag. Wie du diesen Auftrag formulierst, entscheidet dabei mehr über das Ergebnis als die Wahl des Werkzeugs, und genau deshalb steht das Prompting vor dem Toolvergleich, nicht danach.
Was dann herauskommt, ist ein Rohtext. Was danach zu tun ist, steht in der Content-Erstellung mit KI.
Der Vergleich, der zählt
Am Ende entscheidet keine Tabelle, sondern eine Woche Arbeit.
Nimm zwei Werkzeuge, nutze sie sieben Tage lang für echte Aufgaben, und achte auf eine einzige Zahl: wie viel du hinterher korrigieren musst. Das Werkzeug mit der geringeren Nacharbeit gewinnt, unabhängig davon, was in irgendeinem Ranking steht.
Alles andere ist Produktvergleich als Zeitvertreib. Davon hat noch kein Kunde gekauft.
TL;DR | Es gibt kein bestes KI-Tool, es gibt nur passende Arbeitsteilung.
Perplexity für Recherche mit Quellen, einen Generalisten für die Textarbeit, und den wählst du nach deinem Arbeitsalltag, nicht nach Benchmarks. Zwei Abos reichen. Sobald Kundendaten im Spiel sind, brauchst du den Geschäftstarif. Und die einzige Bestenliste, die zählt, ist deine eigene Nacharbeit.


